• Fachbeitrag
  • Unternehmertum

Collaboration Brews

Die brauen sich was zusammen

Eimer gefüllt mit Hopfen. Eimer gefüllt mit frischem Hopfen. Ein Eimer hat eine Schaufel.
Mann befuellt Braukessel

Immer öfter verabreden sich unterschiedliche Brauereien für einen gemeinsamen Tag am Sudkessel. Bei solchen Collab Brews entstehen Freundschaften und einzigartige Biere. Doch bringt das alles nur Spaß und Abenteuer oder profitiert die Marke davon auch wirtschaftlich? 

Hoch den Blecheimer und dann kippen, schon rieselt der Hopfen in den Tank. Scott Jennings von der Brauerei Sierra Nevada schüttelt nochmal, damit auch die letzten Reste Hallertauer Tradition, Amarillo und Chinook im Kessel landen. Nicht in seinem, sondern in dem der Bayrischen Staatsbrauerei Weihenstephan. Denn hier wird Anfang 2018 der Braupakt gebraut. 

Wer gemeinsam braut, braut besser

Es ist ein Collaboration Brew zwischen zwei ganz verschiedenen Partnern. Auf der einen Seite Weihenstephan, seit fast tausend Jahren im Geschäft, bekannt und beliebt vor allem für ihr Weißbier. Auf der anderen Seite die vergleichsweise junge Brauerei Sierra Nevada aus Kalifornien, Vorreiter auf dem Gebiet Craft Bier, deren Pale Ale mit dem grünen Etikett in der Szene Kultstatus hat. Ein Clash der Kulturen also? Das sieht Scott Jennings anders. Der Braumeister von Sierra Nevada schwärmt von der genialen Kombination aus bayerischer Tradition und nordamerikanischer Moderne. 
Das unterschiedliche Portfolio der beiden Brauereien spiegelt sich auch im Rezept des Braupakts wider: ein fruchtig-hopfiges Hefeweißbier, das auch mit amerikanischen Aromahopfennoten glänzen darf. Und so soll es ja sein, bei einem guten Collab. Beide Partner bringen ihre Kernkompetenz ein und am Ende entsteht etwas, was einer allein so nicht geschafft hätte. 

 
Zwei Männer posieren vor einem Plakat
Der erste Collaboration Brew der Welt

Auch der wohl erste Collab der Welt war ein transatlantisches Projekt und ereignete sich lange, bevor der Begriff Collaboration Brew überhaupt erfunden wurde. Die Protagonisten: Georg Schneider von Schneider Weisse aus Kelheim und Garrett Oliver von der Brooklyn Brewery aus New York.
Die beiden kennen sich schon seit mehr als zwanzig Jahren. Damals organisierte Garrett Oliver ein Brooklyner Oktoberfest und hatte sich in den Kopf gesetzt, dass Georg Schneider mit seiner Anwesenheit etwas bayrische Authentizität über die Biertische sprenkeln sollte. Ein Wochenendtrip über den Atlantik? Für Georg Schneider "eine saublöde Idee". Aber er stimmte trotzdem zu. 
Als er bei der Brooklyn Brewery ankam, stand Garrett Oliver bereits am Grill. Bekleidet mit Knickerbocker, irischer Tweed-Jacke, Tirolerhut und roten Strümpfen war er eifrig dabei, Weißwürste zu wenden. "Scheiße, wo bin ich hier gelandet?", schießt dem bayrischen Brauereibesitzer durch den Kopf. Aber dann entspinnt sich zwischen den beiden Männern eine ausgezeichnete Freundschaft. 

Die Deutschen sinnieren, die Amerikaner krempeln die Ärmel hoch

Im Jahr 2006 sitzen sie gemeinsam mit dem Kelheimer Braumeister Hans-Peter Drexler beieinander und philosophieren über den Einfluss des Terroirs auf die Rohstoffe und darüber auch auf den Biergeschmack. Garrett Oliver vertritt die These, dass dieser Einfluss ganz beträchtlich sei. Georg Schneider hingegen kann sich das nicht vorstellen. "Wo soll denn da der Unterschied sein zwischen einem Weizen aus dem Gäuboden und einem aus dem Mittleren Westen?" Und wie das immer so ist: Während die Deutschen noch sinnieren, krempeln die Amerikaner schon die Ärmel hoch. 

"Wir werden das nie herausfinden, wenn wir es nicht ausprobieren ", ist Garrett Olivers Devise. In Windeseile entwickeln sie ein Rezept, was sowohl viel Hopfen als auch massig Malz enthält. Kein Rohstoff soll den anderen dominieren, aber beide intensiv zu schmecken sein. 
Wenige Monate nach dem Drexler und Oliver ein Rezept ausgeheckt haben, stehen sie zuerst in Kelheim, dann in Brooklyn am Braukessel und brauen gemeinsam ein hopfenbetontes, obergäriges Starkbier. Ein Weißbier-IPA sozusagen. Heute bekannt als "Hopfenweiße". Bei der Verkostung wenige Wochen später muss Georg Schneider seine Niederlage eingestehen. 
 
 
Drei Männer stoßen mit einem Bier an

Der Einfluss der Rohstoffe ist enorm

Der Einfluss der Rohstoffe ist nicht zu leugnen, die Biere schmecken komplett unterschiedlich. Auch die Gastronomen und Händler in den USA sind längst neugierig auf den Ausgang dieses Experiments. Innerhalb von nur sechs Wochen sind beide Biere ausverkauft, immerhin 300 Hektoliter der bayrischen Variante und 120 Hektoliter der amerikanischen. Keine einzige Flasche davon ging nach Deutschland. 
Heute ist die „Hopfenweiße“, zusammen mit dem Aventinus, noch immer das meistverkaufte Bier von Schneider Weisse in den USA. Die große öffentliche Aufmerksamkeit war ein ungeplanter, aber sehr erfreulicher Nebeneffekt für die Kelheimer Brauerei. "Wenn ich das als PR-Aktivität hätte bezahlen müssen, hätte mich das einen Haufen Geld gekostet", resümiert Georg Schneider. "Aber wären wir damals wirtschaftlich in Schwierigkeiten gewesen, den Arsch gerettet hätte es uns nicht."

„Collabs müssen zur Identität der Brauerei passen“

Trotz allem Erfolgs hat er nie einen weiteren Collab Brew gestartet. An mangelnden Anfragen liegt es nicht. "Aber das Projekt muss zur Identität der Brauerei passen", sagt Schneider. "Wenn jemand mit uns etwas anderes als Weißbier brauen möchte, dann wirkt das aufgesetzt und das machen wir nicht."
Ganz ähnlich klingt es immer, wenn man Brauereien nach ihren Erfahrungen mit Collab Brews fragt. Die Planung ist unkompliziert, im Vordergrund steht der Spaß am Projekt. Dass die eigene Marke im Gastgeberland ein wenig bekannter wird, ist freilich schön. Ein plötzliches Hochschnellen der Verkaufszahlen hingegen, so zumindest die offiziell kommunizierte Version, darf nach einem Gemeinschaftssud nicht erwartet werden – zumindest so lange, wie man sich in gesättigten Märkten wie Europa und Nordamerika bewegt, wo der Bierabsatz seit einigen Jahren stagniert oder sogar fällt. 

Die Pioniere in Fernost

Verlässt man diesen Dunstkreis und wendet sich zum Beispiel in Richtung Fernost, dann steht man vor einer komplett anderen Situation. Vor allem: vor einem ungesättigten Markt. Während in Deutschland pro Kopf mehr als 100 Liter Bier pro Jahr konsumiert werden, sind es in China gerade einmal 40 Liter. Doch die Bar-Szene in Großstädten wie Shanghai und Beijing ist lebendig. Die Chinesen trinken gern und sind bereit, dafür zu bezahlen. 
Ausländische Marken haben es jedoch schwer, dort einen Fuß in die Tür zu bekommen. Laut der Marktforschungsgesellschaft Euromonitor International sind sieben der zehn erfolgreichsten Brauereien im Raum Asien-Pazifik einheimische Unternehmen. Wer dort Bier verkaufen will, der braucht unbedingt Kontakte zu lokalen Brauereien. Wie ginge das besser als über einen zwanglosen, unverbindlichen Collab Brew? 

Erst in die Karaoke-Bar, dann in die Brauerei

Jann van der Brelie, Braumeister von der Weißen Elster aus Leipzig, hat genau das ausprobiert und gemeinsam mit einer kleinen Brauerei in Chengdu eine Imperial Gose gebraut. Unterstützung bei diesem waghalsigen Projekt bekam er vom Betriebswirt Simon Frank von Frank Enterprise GmbH, der gemeinsam mit seiner chinesischen Frau die deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen beflügeln möchte. Damit das funktioniert, muss man die kulturellen Unterschiede des Gastlandes verstehen. 
Chinesen legen sehr viel Wert auf ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Geschäftspartnern. Das entsteht natürlich nicht von heute auf morgen und auch nicht über E-Mail, Skype oder Telefonkonferenzen. 
Wichtig sind persönliche Treffen, ausgedehnte Abendessen und, allen Klischees zum Trotz, der gemeinsame Ausflug in die Karaoke-Bar. „Die hatten fast nur chinesische Lieder im Angebot, also muss man auf der Bühne improvisieren“, berichtet Jann van der Brelie von seinen Erfahrungen. Doch was man singt, ist eigentlich auch egal. Hauptsache, man macht mit. Wenn das Eis dann erst einmal gebrochen ist, steht einem gemeinsam Brautag nichts mehr im Wege. 

Eintagsfliege oder Evergreen

Und manchmal bleibt es auch tatsächlich bei nur einem Tag. Man hatte eine tolle Zeit, ein paar tausend Hektoliter recht ordentliches Bier sind entstanden, dann trennen sich die Wege wieder und von dem Tag bleiben vor allem viele schöne Erinnerungen. Es kann aber auch so laufen wie bei Schneider Weisse und Brooklyn, deren “Hopfenweiße” seit der Collaboration ein fester Bestandteil des Portfolios ist. Möglich ist auch ein Mittelweg, eine langfristige Zusammenarbeit oder der Export der eigenen Biere in einen neuen Markt. Aber wie würde Garrett Oliver sagen: “Wir werden das nie herausfinden, wenn wir es nicht ausprobieren!"