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Fehlerkultur

Fail fast. Learn faster.

Eine Person in Jeans Jacke hält eine Flasche in der Hand.
Portrait einer Frau mit langen braunen Haaren. Sie trägt eine Jeans und einen schwarzen Pullover.

Schöner scheitern

Shit happens. Wissen wir alle. Trotzdem redet keiner gern darüber. Dabei ist, wer offen und konstruktiv mit Fehlern umgeht, klar im Vorteil. Warum wir eine bessere Fehlerkultur brauchen.

Das Ende kam mit der Post. In einem unscheinbaren Brief der Berliner Lebensmittelaufsicht, den Laura Zumbaum im Februar 2017 öffnete. „Liebe Frau Zumbaum, Sie bringen ein nicht verkehrsfähiges Produkt in den Umlauf“, stand da. „Aufgrund der Tatsache, dass die Kaffeekirsche innerhalb der EU vor 1997 nicht in nennenswerter Menge konsumiert wurde, darf diese bis zum Zeitpunkt Ihrer offiziellen Zulassung nicht mehr als Lebensmittel verarbeitet werden.“ „Ich habe im ersten Moment gedacht, es handle sich um eine Verwechslung.“, erzählt die 31-Jährige.

Zwei Jahre hatte sie in die Entwicklung und den Aufbau der Marke selo und das Produkt selo green coffee gesteckt, ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk auf Basis der Kaffeekirsche, dem Fruchtfleisch der Kaffeebohne. Dann kam die Novel Food-Verordnung (EU) 2015/2283 – und Zumbaums Unternehmen stand vor dem Aus. 

Als nächstes: Der Brief von Landeskriminalamt, ein Strafverfahren wurde eröffnet. Dazu die ganzen Rechnungen. Gerade hatte Zumbaum 50.000 Flaschen produziert und Kaffeekirschen gekauft. „Natürlich dachte ich da: OK, ich schmeiß‘ alles hin. Produktion einstampfen. Insolvenz anmelden.“ Das Projekt war gescheitert. 

 

Scheitern ist Mist

Sieben von zehn Start-Ups scheitern, sagen Experten. Ist also ganz normal – und trotzdem Mist. Egal, ob man ein ganzes Unternehmen gegen die Wand fährt oder nur die Einführung eines neuen Produktes floppt. 

Fürs Scheitern gibt es Trillionen Gründe, hausgemachte und solche, die man schlicht nicht in der Hand hat: 

  • Marktgröße falsch eingeschätzt
  • Risiko übersehen
  • zu langsam für die Konkurrenz
  • Unfrieden im Führungsteam
  • veränderte Rechtslage
  • und viele mehr.

Schwupps: Schon steht am Ende des Businessplans ein fettes „Fail“.

Wir brauchen, so heißt es im Digitalbranchen-Start-Up-Sprech oft, eine „fail culture“, einen besseren Umgang mit Fehlern. Fehlerkultur eben. Wie das geht, macht die Szene vor, indem auf sogenannten „Fuck Up Nights“ Gründerinnen und Gründer von Unternehmen erzählen, die krachend gescheitert sind, und damit andere aus ihren Fehlern lernen lassen. 

Konfuzius sagt: Mache Fehler – aber nur einmal

Genau darum geht es bei der neuen Fehlerkultur. Eigentlich ein alter Hut: „Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.“ Sagt Konfuzius. „Jeder Mensch kann irren, aber nur Dummköpfe verharren im Irrtum.“ Sagt Cicero. 

Und noch so eine Küchenweisheit: Jedes Ende ist der Anfang von etwas Neuem. So auch im Fall von Laura Zumbaum: „Nachdem ich zwei Nächte darüber geschlafen hatte, habe ich beschlossen: So einfach gebe ich nicht auf.“

„Kommunikation war unsere Rettung“, sagt Zumbaum heute. Zum einen ist es ihr so gelungen, das Vertrauen der Kunden zu wahren: „Ein Lebensmittel, das nicht zugelassen ist - da denken alle doch gleich: Oh Gott, was hat die denn da Gefährliches verkauft!“ Zum anderen hat Zumbaum ihre Kommunikationskampagne über das Ende der Kaffeekirschenlimonade genutzt, um ihr neues Produkt, ein Erfrischungsgetränk aus ungerösteten Kaffeebohnen, bekannt zu machen. 

Erfolgreich war dieser Ansatz vor allem deshalb, weil er in unseren Breiten so selten ist. „Die Unternehmenskultur in Deutschland lädt nicht gerade dazu ein, übers Scheitern zu sprechen“, sagt selo-Gründerin Laura Zumbaum. „Das sehe ich auch an Reaktionen, die ich bis heute bekomme. Wenn ich erzähle, was passiert ist, sagen viele: ‚Unglaublich, dass du weitergemacht hast!‘“

Die mangelnde Bereitschaft, proaktiv mit Fehlschlägen umzugehen, mag kulturelle wie gesellschaftliche Gründe haben. Der Soziologie-Professor Heinz Bude macht die „German Angst“ und die „Generation Null Fehler“ verantwortlich. Gerade die Um-die-40-Jährigen wollten alles richtig machen, die perfekte Work-Life-Balance treffen – Platz für alles, was daneben geht, ist da nicht.

Deshalb horchen wir besonders auf, wenn jemand sagt, was nicht geklappt hat. Bei der Altbierbrauerei Im Füchschen in Düsseldorf haben sie zum Beispiel mal versucht, das Portfolio um ein Weißbier zu erweitern. Das aber war nichts, erzählt der Braumeister. Also haben sie den Plan geändert – und auf ein Pils gesetzt. Das wurde ein ziemlicher Erfolg. 

Vom Bier, dessen Zeit noch nicht reif war

In der Trumer Brauerei bei Salzburg sind sie 2007 mit ihrem „Diamond“ gescheitert. „Diese exklusive Bierspezialität - heute würde man Craft Bier dazu sagen - war seiner Zeit voraus“, bekennt Brauereichef Seppi Sigl. Hochpreisige Brauspezialitäten in Champagnerflaschen hatten damals noch keinen Markt. Das Diamond blieb ein einmaliger Sud. „Heute würde das wohl ein bisschen anders aussehen. Für uns war es dennoch eine wichtige Erfahrung - und den Ruf des ‚First Mover‘ diesbezüglich in Österreich kann uns keiner mehr nehmen.“ 

Modernes Fehlermanagement ist nur möglich, wenn akzeptiert wird, dass Fehler passieren. Life happens. Es darf keine negativen Folgen geben, sonst ist man in der Spirale von Angst und Stillschweigen, in der Fehler schnell unter den Teppich gekehrt werden. „Hoffentlich merkt der Boss nichts“ ist ebenso verkehrt wie „Schnell weg damit und hoffen, dass der Kunde es gar nicht mitgekriegt hat.“

Fehlerkultur: Macht’s wie die Piloten

Wie gutes Fehlermanagement funktioniert, führt die Luftfahrtbranche vor: Das hier übliche Crew Resource Management (CRM) umfasst einen Verhaltenskodex, nach dem Piloten sich gegenseitig sachlich und ohne Vorwürfe auf Fehler aufmerksam machen und Fehlermeldungen ohne Scham oder Entschuldigung annehmen. Es wäre nämlich ziemlich blöd, wenn der Captain sich mit viel „ach, eigentlich wollte ich doch… äh… das war so gemeint…“ herausredet, während die Maschine an Höhe verliert. Besser: „Danke. Fehler korrigiert“ Und dann Kurs halten!

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Laura Zumbaum:
Getrieben von der Vision, den Kaffeehandel fairer und nachhaltiger zu machen, ist die Berlinerin mit ihrem ersten Produkt gescheitert – aber nur, um mit einem zweiten jetzt national im LEH vertreten zu sein.