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Gender Equality in der Braubranche: „Vielleicht werden Männer ja auch oft überschätzt“

Viele Bereiche kämpfen mit Geschlechterklischees. Auch die Braubranche. Frauen arbeiten hier eher selten, Bier sei halt nichts für die Frauen, so die landläufige, oberflächlich-stereotype und schlichtweg falsche Meinung. Sicher gäbe es hier Verbesserungsmöglichkeiten – aber man kann das auch gelassen nehmen, wie Nicola Buchner, Geschäftsführerin des Verbands der Biersommeliers und eine weibliche Größe in der Bierwelt.

Nina Anika Klotz
Nina Anika Klotz
Gründerin & Autorin Helden Publishing UG (HOPFENHELDEN)
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Zwei Eier mit aufgemalten männlichen und weiblichen Gender-Symbolen Bier wird (immer noch) als Männergetränk angesehen, dabei lag die Bierherstellung über Jahrhunderte in der Hand der Frauen (Foto: Dainis Graveris auf Unsplash)

Die Frauen haben das Bierbrauen erfunden

 

Historisch betrachtet war Bier eigentlich Jahrtausende lang Frauensache. Nicht nur, dass schon bei den Sumerern die Frauen fürs Bierbrauen verantwortlich waren, auch als Bier-Konsumentinnen standen Frauen in der Geschichte den Männern in nichts nach.

So gibt es etwa Berichte, wonach bei den alten Griechen und Römern, beide bekanntlich in erster Linie Weintrinker, Bier durchaus geläufig war, aber eher als Getränk „der Schwächeren“ gesehen wurde. Womöglich waren damit die wirtschaftlich Schwächeren gemeint, Bier könnte demnach also das weniger edle, billigere Getränk für das einfache Volk gewesen sein. Es gibt aber auch Historiker, die sich zu der Annahme hinreißen lassen, hier könne die Rede vom vermeintlich „schwächeren Geschlecht“ sein.

In unseren Breiten jedenfalls war Bier nachweislich ein Getränk für die Frauen, die es die längste Zeit als Teil ihrer hauswirtschaftlichen Tätigkeiten auch immerzu brauten: Das heutige Kaffeekränzchen geht etwa auf einen Bierkranz zurück, der bei nachmittäglichen Zusammenkünften der Frauen aus der Nachbarschaft bis in die Neuzeit hinein gereicht wurde. Der Braukessel war ein fester Bestandteil der Mitgift, und Frauen wie Hildegard von Bingen, die allen riet: „Cervisium bibat!“ („Man trinke Bier!“), oder Katharina von Bora, Martin Luthers Ehefrau, deren Bier so gut gewesen sein musste, dass der Genussmann Luther sich ihre Sude auf Reisen hinterherschicken ließ, haben sich in der Bierwelt einen Namen gemacht.

Und was ist dann passiert? Was ist geschehen, dass Bier heute erstens von immer weniger Frauen getrunken wird und zweitens von nur ganz wenigen Frauen gebraut? Wenn man, wie heutzutage ja löblich oft, von Gender Equality, von Gleichberechtigung der Geschlechter auch im Berufsleben spricht, warum erscheint einem da die Braubranche als schier unbestelltes Feld? Wann sind Bier und Frauen soweit auseinandergeraten?

Nun, eindeutig lässt sich das nicht beantworten. Irgendwann jedenfalls wurde das Bierbrauen professionalisiert; es war nicht mehr so wie Abendbrot kochen etwas, was Frau eben in der Küche machte. Es entstanden Brauereien, viele in Männerklostern, also per se ohne Frauen, in denen körperlich schwere Arbeit anfiel, so dass sich hier beinahe ausschließlich Männerberufe entwickelten.

Und dass Frauen immer weniger Bier trinken, das mag zum einen an der zunehmenden Auswahl an alternativen Getränken liegen, kann zum anderen aber auch ein sich selbst verstärkendes Phänomen sein: Wer als junger Mensch lernt: „Frauen trinken halt kein Bier“, der trinkt dann halt auch kein Bier.

Nicola Buchner allerdings trinkt Bier. Und sie braut Bier. Und vor allem lehrt sie als Geschäftsführerin des Verbands der Biersommeliers beides – und hat mit dem Thema Frauen und Bier reichlich Erfahrungen gesammelt.

 
Porträtbild von Nicola BuchnerNicola Buchner: „Es ist eigentlich ganz schön, unterschätzt zu werden, dann kann man besser überraschen, wenn man zeigt, was man kann.“ (Foto: Verband der Diplom Biersommeliers)

Nicola, wie oft kommt es vor, dass am Telefon des Verbands der Biersommeliers jemand „den Chef, bitte“ sprechen will, wenn du rangehst?

 

Nicola Buchner: Und ich dann sage: „Ich bin die Geschäftsführerin“? Das passiert hin und wieder. Ist möglicherweise ein Generationen-Thema, meistens ist derjenige am anderen Ende der Leitung dann schon etwas älter. Aber ich kann da eigentlich immer darüber lachen. Denn es ist eigentlich ganz schön, unterschätzt zu werden. Dann kann man besser überraschen, wenn man zeigt, was man kann. Und überhaupt: Viele Männer werden vielleicht auch überschätzt. 

Dabei seid ihr bei den Biersommeliers eigentlich viele Frauen, oder nicht?

Buchner: Das wirkt so. Tatsächlich sind es aber „nur“ 16 Prozent aller unserer Verbandsmitglieder. Nur in Anführungszeichen, weil das für die Bierwelt eigentlich wirklich viel ist. Bei den Braumeister-Lehrgängen an der Doemens Akademie zum Beispiel liegt der Frauenanteil zwischen sechs und acht Prozent. Da sind dann in der Regel eine, vielleicht mal zwei Frauen in der Klasse. Im Vergleich dazu sind unsere 16 Prozent schon viel. Und: Man hört einfach recht viel von unseren Biersommelières, wie etwa der Weltmeisterin Elisa Raus. 

 
Porträtbild von Nicola BuchnerNicola Buchner: „Brauer kann ein Beruf sein, in dem extrem viel Kreativität gefragt ist.“ (Foto: Doemens)

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass so wenige Frauen Braumeisterin werden?

 

Buchner: Vermutlich vor allem an den vorherrschenden falschen Vorstellungen darüber, was Brauer heutzutage wirklich machen. Ehrlich gesagt gehen die meisten, Männer wie Frauen, mit falschen Bildern im Kopf in die Ausbildung. Die einen denken: Mei, da trinkt man halt viel Bier! Die anderen: Da mache ich dann halt, was mein Vater immer so gemacht hat. Und wieder andere denken, es ist die jobsichere Wahl, wenn man eigentlich lieber Biochemie studiert hätte. Und manche Mädels stellen sich vermutlich auch fälschlich viel Schlepperei vor.

 

Und wie sieht die Wirklichkeit aus?

 

Buchner: Brauer kann ein Beruf sein, in dem extrem viel Kreativität gefragt ist. Wo man ständig etwas ganz Neues entwickeln kann. Und bei dem es um die Sinne geht. 

 

Wobei „was mit den Sinnen“ Männer vermutlich eher abschrecken würde. Frauen wird beim Einsatz aller Sinne mehr Vermögen nachgesagt. Alles Quatsch oder ist da was dran?

 

Buchner: Da muss man sehr vorsichtig sein: Also, rein biologisch gesehen sind Frauen tatsächlich die besseren Verkoster, weil sie statistisch betrachtet mehr Geschmacksknospen haben, es mehr sogenannte „Supertaster“ unter Frauen gibt. Aber das will ich sofort relativieren! Denn das Problem ist vielmehr: Wenn man sich nicht bewusst ist, dass man etwas gut kann, dann kann man es auch nicht. Und wenn Männer glauben „mit den Sinnen“ nicht so viel anfangen zu können, dann ist vielleicht auch das der Grund, dass sie es nicht können. Überhaupt: Das ganze Verkosten ist ein Zusammenspiel aus so vielen unterschiedlichen Einflussfaktoren. Den biologischen Voraussetzungen, dem Alltag, den äußeren Einflüssen im Moment des Verkostens, dem Interesse überhaupt daran, den Hormonen – ob da jetzt jemand mehr Geschmacksknospen hat oder weniger, spielt in all dem nur eine kleine Rolle. Wichtiger wäre für alle, Männer und Frauen, sich mehr bewusst zu machen, was man eigentlich zu sich nimmt. Grundsätzlich! Genuss bewusster erleben und darauf achten, was einem schmeckt und was dem Körper guttut. 

Darin ist ja die jüngere Generation ganz gut. Bewusst leben, bewusst essen und trinken…

 

Buchner: Stimmt. Und was mir bei denen auch aufgefallen ist: Die jungen Mädels sind viel erreichbarer für Bier als Genussmittel als Frauen unsere Generation. Weil die nicht in diesem Separierungsdenken aufwachsen. Unsere Mütter haben Wein, unsere Väter Bier getrunken. Wir machen das jetzt schon anders. Und unsere Kinder, die das beobachten, haben weniger Vorurteile im Kopf. Die wachsen in einer Umwelt auf, in der ständig über das Thema Geschlechtergerechtigkeit gesprochen wird. Plus: Wenn Jugendliche heute anfangen in Bars zu gehen, haben die da bereits die Auswahl, eine echte Biervielfalt. Während für uns mehr als drei Biere immer noch „Wow“ sind, sind die daran gewöhnt, dass bei einem Bier Geschmacksrichtungen von Kirsche über Honig bis Gewürze möglich sind. Und da ist natürlich für mehr Menschen etwas dabei – egal welchen Geschlechts.