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Automatisierung - Mensch und Maschine


Mann öffnet eine Champagner Flasche

Heute war gestern noch morgen

 

Die Getränkeindustrie ist in Sachen Automatisierung weit gekommen. Längst können hier Maschinen die körperlich schweren oder stark monotonen Aufgaben übernehmen. Aber: Sollen sie? Und wie lässt es sich mit der Lieben zum Handwerk vereinbaren, wenn im Betrieb immer weniger Herzen schlagen?

Den verklärtesten Blick in die Vergangenheit, den haben oft die Kunden. Ach, meinen die, was war das schön, als der Moster noch von Hand kurbelte um seine selbstgeklaubten Äpfel zu pressen, die Töchter des Winzers im Rebenbottich herumwateten und der Brauer seine starken Hände an der Lederschürze abwischte, ehe er den nächsten Sack Malz schulterte und zum Kessel trug. Wer aber auf der anderen Seite der Flasche steht, der weiß: Früher war alles vor allen Dingen beschwerlicher. Aufwendiger. Weniger rentabel. Besser? Nein. Besser waren die Produkte deshalb keineswegs.

 
Mann steht mit verschränkten Armen vor einer Maschine

Laut einer Umfrage der DLG-Arbeitskreises Robotik ist die alkoholische und nichtalkoholische Getränkeindustrie in der Lebensmittelbranche Vorreiter, wenn es um Automatisierung geht. Maschinen, die selbstständig einzelne Arbeitsschritte übernehmen, Roboter, die an Stelle von Menschen eingesetzt werden können, findet man bereits in Unternehmen fast aller Größen (wobei natürlich der Grad der Automatisierung mit der Größe des Betriebes steigt – schlicht, weil es eine Kostenfrage ist. Automatisierung hat ihren Preis, der sich zwar rechnet, aber frühestens mittel-, eher langfristig.). Besonders im Bereich Logistik, beim Ver- und Umverpacken und beim Palettieren übernehmen Maschinen körperlich schwere Jobs, aber auch beim Sortieren und Kommissionieren.

Der DLG-Arbeitskreis spricht in diesem Zusammenhang von einer „Humanisierung des Arbeitsplatzes“ als einem Grund, aus dem Roboter eingesetzt werden. Platz Zwei der Gründe in Sachen Prozess- und Produktionstechnologie aufzurüsten, ist Effizienzsteigerung. Ohne Frage: Der Wettbewerb im Sektor ist hoch, wer mithalten will, muss leistungsstark und innovationsbereit sein. Als meist genannter Grund wird Personaleinsparung angeführt. Klar, vom viel beklagten Fachkräftemangel bleibt auch die Getränkeindustrie nicht verschont.


 

Auf der anderen Seite kam eine umfassende Analyse der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2017 zu dem Schluss, dass die Automatisierung in der Getränkebranche bereits so weit fortgeschritten ist, dass ein Grad der „Sockelbeschäftigung“ erreicht ist: Viel weniger „echte“ Menschen geht schon fast nicht mehr. Man kann, will und sollte wohl nicht noch mehr Jobs den Maschinen übertragen. Prozessoptimierung findet natürlich trotzdem immer weiter statt, würde dann aber eher unter das Schlagwort Digitalisierung fallen: Die Maschinen werden nun auch noch vernetzt.

In unseren Gesprächen mit Getränkeunternehmern kamen noch ganz andere Gründe zu Tage, warum sich auch kleine und mittlere Unternehmen für in keinem Fall unerhebliche Investitionen in die Automatisierung ihrer Betriebe entschieden haben: Maschinen machen den Kopf frei, so drückte es Jeff Maisel von der Brauerei Gebr. Maisel aus. Wenn manches automatisch, also quasi von allein, geschieht, bleibt mehr Zeit für Kreativität und am Ende kommen bessere, spannendere Produkte heraus. Andere führten an, Technologie könne helfen Qualität und Unabhängigkeit von Zuarbeitern zu wahren, wenn mehr „in-house“ möglich ist.

All diesen Vorteilen steht nun die Frage gegenüber: Wie aber lässt sich der Einsatz fortschrittlichster Technik mit der Liebe zum wahren Handwerk vereinen? Es heißt ja BrauKUNST. Das Brennen ist ein altes Handwerk. Und von der Arbeit des Winzers ganz zu schweigen. Da braucht es doch Menschen mit Schweiß und Herzblut und Leidenschaft für ihre Produkte. Nicht nur, weil der verklärte Kunde sich das so vorstellt. Wir haben also nachgefragt und stellen fest: Mensch und Maschine – das geht wohl zusammen. 

Welche Rolle spielt die Automatisierung in Ihrer Brauerei?
Fritz Wülfing: Keine, die halbautomatische Abfüllung ist aber hilfreich und die Regelung der Gärtemperatur ist selbst gebaut.

Welche Vorteile bringt Automatisierung bei Ihnen mit sich?
Bis auf die Flaschenfüllung und Gärführung keine.

Was vermissen Sie im Vergleich zu früher als noch mehr Handarbeit notwendig war?
Nichts, da wir ja 100 Prozent handwerklich brauen.

Fritz Wülfing, Brauerei Ale-Mania
(Braut auf einem selbstgebauten Zweigerätesudwerk mit 10 hl Ausschlagmenge ohne Automatik.)

In welchen Bereichen der Whiskeyproduktion wurde automatisiert?
Jens Rosenberg: Mit modernen Technologien überwachen wir den Brennvorgang. Wir setzen sie etwa bei der Steuerung der korrekten Temperatur ein. Pro Schicht sitzt nun nur noch ein Operator zur Kontrolle am Bildschirm. Er muss allerdings immer noch die Destillation vor- bzw. nachbereiten, seine Erfahrung und Expertise sind unersetzlich. Bei der Lagerung der Fässer – die mittlerweile mit Barcodes ausgezeichnet sind, was eine Handbeschriftung überflüssig macht – wird ebenfalls mit einer Software gearbeitet: dem
sogenannten „Cask-Management-System“. Beim Maischen arbeiten die meisten Destillerien mit halbautomatischen bzw. vollautomatischen Rührwerken, die per Knopfdruck bedient werden. Das bezieht sich auch auf die Reinigung am Ende.

Welche Vorteile bringt das?
Die neuen Technologien vereinfachen und erleichtern einige Arbeitsprozesse und tragen dadurch auch zum Arbeitsschutz der Mitarbeiter bei.

Wie kann man Automatisierung und Liebe zu Handwerk und Produkt in Einklang bringen?
Die Vermischung von Tradition und Moderne muss keinen Widerspruch bilden – sofern sie dazu beiträgt, etwas zu verbessern oder zu erleichtern.

Jens Rosenberg,
Brand Ambassador Single Malts & Keeper of the Quaich Beam Deutschland GmbH
(Der Spirituosenhersteller Beam Suntory (u.a. Jim Beam, Canadian Club, Bowmore uva.) setzt bei seinen Unternehmen in unterschiedlichen Bereichen auf Automatisierung.)

 
Niko Brandner

Niko Brandner, Griesel-Sekthaus

(Hat 2013 die Firma mitgegründet. Seitdem werden Abfüllung, das Abrütteln der Hefe und Degorgieren halbautomatisch erledigt, sonst ist Handarbeit angesagt.)

Was ist bei Ihnen Handarbeit, was geht automatisch?

Niko Brandner: Handarbeit: Traubenlese, Arbeit mit Holzfässern, alles im Weinberg - entblättern, harken, heften, Rebschnitt etc. Halbautomatisch: Abrütteln der Hefe, Degorgieren, Füllung der Flaschen, Etikettieren.



Was hat sich seit der letzten, großen Automatisierungsmaßnahme bei Ihnen im Betrieb verändert?

Wir sind noch jung, gegründet 2013. Wir sind direkt mit einer Teilautomatisierung eingestiegen mit gebrauchten Maschinen. Bei der Weinbereitung selbst verzichten wir nahezu komplett auf Eingriffe, hier will ich es möglichst natürlich und traditionell.



Wie sind Liebe zu Handwerk und Produkt mit der zunehmenden Automatisierung zu vereinen?

Wie gesagt arbeiten wir in vielen Bereichen ultra-traditionell und können dies auch gut vermarkten. Handarbeit ist also nicht nur Liebhaberei, sondern auch Teil unseres Images. Durch einen Anteil an Automatisierung können wir es auch wirtschaftlich sinnvoll beibehalten.

 

Welche Rolle spielt die Automatisierung in Ihrer Brauerei? Dominik Eichhorn: Unser neues Sudhaus ist die erste große Automatisierungsmaßnahme. Bis dahin war lediglich eine CIP-Anlage und die Temperatursteuerung des Gärkellers automatisiert. Die Bedeutung wird aber auch in unserem Betrieb in den nächsten Jahren deutlich zunehmen, da wir noch weitere Bereiche automatisieren möchten.

 

Welche Vorteile/Nachteile bringt die Automatisierung bei Ihnen mit sich?

Wir erhoffen uns Entlastung in Sachen Personal und konstantere Qualität.

 

Was vermissen Sie im Vergleich zu früher, als noch mehr Handarbeit notwendig war?

Früher ist alles deutlich langsamer und mit höherem Personalaufwand vonstattengegangen.
 
Dominik Eichhorn, Schlossbrauerei Reckendorf
(Braut sowohl in einem alten Kupfersudhaus (Baujahr 1961) als auch auf einer hochmodernen Anlage.)