• Fachbeitrag
  • Europa
  • Bier

Craft Beer in München

Im Windschatten von sechs Großbrauereien floriert in der bayerischen Hauptstadt derzeit eine lebendige Craft Beer-Szene, in der immer mehr Jungbrauer den traditionellen Markt mit kreativen Spezialitäten aufmischen. Mareike Hasenbeck, Bier-Journalistin und Craft-Bloggerin der ersten Stunde, gibt Einblick in die turbulente Szene an der Isar.

Surfer in Neoprenanzügen am Eisbach im Englischen Garten in München Kein Hofbräuhaus, kein Oktoberfest, keine Frauenkirche? Genau, weil München auch eine andere Seite hat – bei den touristischen Attraktionen wie beim Bier (Foto: Luis Fernando Felipe Alves, Unsplash)

Giesinger, Crew Republic & Co.


Mit Oktoberfest, Maßkrug- und Biergarten-Kultur gilt München für Gerstensaft-Fans in allen Teilen der Welt als Bierparadies schlechthin. Doch während die Isar-Metropole seit jeher von regionalen Brau-Giganten dominiert wird, sorgt inzwischen eine neue Genussszene mit jungen Kreativbrauern und Bieren mit ganz besonderen Rohstoffkombinationen für Furore.

Obwohl sich München in der Rangliste neuer Braustätten noch knapp hinter Berlin und Hamburg bewegt, rollt der Craft Beer-Zug mit neuen Marken und ungewöhnlichen Suden kräftig voran. Nach einer wilden Experimentierphase besinnen sich viele Jungbrauer der Landeshauptstadt inzwischen auch wieder auf bayerische Wurzeln und setzen auf modern interpretierte, traditionelle Bierstile wie Helles, Pils und Weißbier.

Ein halb volles Bierglas von Giesinger Bräu wird in die Kamera gehalten, im Hintergrund LagertanksAus der Garage zur größten Craft Beer-Manufaktur der Stadt – Giesinger Bräu (Foto: Giesinger Bräu)

Giesinger Bräu


Einer der Vorreiter der Szene ist Steffen Marx mit seinem Giesinger Bräu. Der Bayer startete seine Braukarriere einst in der Garage, bis die Nachfrage seiner Sude enorm wuchs und er sich über eine Crowdfunding-Initiative reichlich Kapital für die eigene Brauerei beschaffte. Inzwischen gilt der Giesinger Bräu als größte Craft Beer-Manufaktur und bedeutendste Brauerei-Neugründung in der Stadt.

Das Team um Marx braut neben Pils, Hellem, Dunklem und Märzen auch ein fruchtiges Triple, ein kräftiges Doppel-Alt sowie ein schmackhaftes Belgian Blond Ale. Mit der Finanzierung von rund 20 Millionen Euro über inzwischen mehrere Crowdfunding-Projekte, realisierte Marx 2020 einen zweiten Standort im Norden der Stadt. Und durch einen eigenen Tiefbrunnen darf der Giesinger Bräu nun auch als „Münchner Bier“ betitelt werden.

Im Werk2 können in der ersten Ausbaustufe nun mehr als 20.000 Hektoliter Bier pro Jahr produziert werden. Neben Sudhaus und Abfüllanlage gehören auch noch ein Vollgut- sowie Leergut-Lager, eine Mälzerei, ein Labor, eine Abholmöglichkeit sowie ein Veranstaltungsraum zum neuen Standort.

Marx ist stolz auf seine neue Brauerei, die mit der schlüsselfertigen Anlage von Krones über modernste Anforderungen an Energieeffizienz verfügt und es somit ermöglicht, besonders ressourcenschonend zu arbeiten. „In unserer Philosophie betrachten wir das Brauereiwesen im Kern als ein naturnahes und verantwortungsvolles Gewerk“, betont der Münchner Bräu.

Mario Hanel (li.) und Timm SchnigulaMario Hanel (li.) und Timm Schnigula (Foto: Crew Republic)

Crew Republic


Ein weiteres Erfolgsbeispiel der Münchner Craft-Szene befindet sich nur wenige Kilometer vom Werk2 entfernt. In Unterschleißheim glänzen die Kessel der Crew Republic, einer der ebenso erfolgreichen Macher der bayerischen Craft Beer-Szene.

Mario Hanel und Timm Schnigula hingen ihre Jobs als Unternehmensberater an den Nagel, um ihren Traum der eigenen Braustätte mit angeschlossenem Taproom zu erfüllen. Als Gypsy-Brewer gestartet, konnten die beiden Unternehmer ihr Vorhaben vor rund fünf Jahren durch eine Beteiligung des weltweit größten Hopfendienstleisters, Barth-Haas aus Nürnberg, krönen. Nach einer steilen Erfolgskurve hat sich inzwischen auch der Brauereikonzern AB InBev beteiligt.

Einen wesentlichen Teil ihres Erfolges verdankt die Münchner Crew modernster Produktionstechnik. Gebraut wird mit einem vollautomatisierten Rolec-System und gehopft mit drei hochwertigen Hopfenraketen.

Das Standardsortiment von Hanel und Schnigula, abgefüllt auf einer Krones-Anlage, weist schon fast die Bandbreite so mancher Großbrauerei auf. So gehören neben dem hopfigen Leichtbier Easy und diversen fruchtigen India Pale Ales (IPA) auch ein Imperial Stout namens Roundhouse Kick sowie ein kräftiger Barley Wine mit 10,1 Prozent Alkohol zum Programm.

In ihrer X-Series führt die Crew zudem saisonale und experimentelle Biere. Darunter läuft beispielsweise ein Dry Hopped Lager mit Saazer, Tettnanger und Hersbrucker, aber auch ein tropisch-fruchtiges New England IPA mit Galaxy, Mosaic, Amarillo und Citra.

Tilman Ludwig bei der Hopfengabe im SudhausTilman Ludwig setzt auf moderne Interpretationen von traditionellen Bierstilen (Foto: Tilmans Biere)

Tilmans Biere


Anders als die Macher von Crew Republic setzt der Münchner Jungbrauer Tilman Ludwig überwiegend auf deutsche Bierstile, die er modern interpretiert. So war sein erstes Bier ein Helles, dem er durch Beigabe von amerikanischem Chinook-Hopfen einen charakteristischen Kick verpasst.

Als Ludwig vor sechs Jahren Tilmans Biere gründete, wollte er konventionelle bayerische Biertrinker nicht gleich verschrecken. Inzwischen bezeichnet Ludwig Das Helle, das in der 0,5-Liter-Euroflasche daherkommt, als sein Flaggschiff.

Ein weiteres Lieblingsbier seiner Kunden ist auch Die Dunkle. Dabei modernisierte Ludwig ein klassisches Münchner Dunkel mit karamellisierten und gerösteten Braumalzen aus heimischer Produktion sowie den Hopfensorten Tettnanger und East Kent Golding.

Im Sortiment führt er mittlerweile auch ein Pale Ale, das zwar immer nach dem gleichen Rezept gebraut wird, aber bei dem jedes Mal eine andere Hopfensorte zum Einsatz kommt. „Das ist ein Sud zu Ehren unseres geliebten Hopfens“, schwärmt Tilman Ludwig.

Um seine Fans künftig mit neuen Geschmacksaromen zu überraschen, experimentiert er auch mit Sorten wie Callista, Bru-1, Pekko und Hallertauer Nugget sowie einigen neuen Zuchtstämmen.

Das Team der Munich Brew Mafia trinkt Bier und steht dabei barfuß in der IsarDie Munich Brew Mafia setzt auf viel Hopfen und Experimente (Foto: Munich Brew Mafia, Erik Bohr)

Munich Brew Mafia


Auf hopfigen Genuss schwört auch die Munich Brew Mafia, eine kreative Neugründung mit großem Zukunftspotential. Das Team um Dario Stieren hopft ihr Pils gleich viermal mit der Sorte Citra und erzielt damit ein ungewöhnliches Aroma-Spektrum. Auch im Kriminellen Hellen steckt jede Menge Hopfen der Sorten Tradition, Hersbrucker sowie Mistral und Callista.

Die Münchner Biermafia ist aber nicht nur bekannt für kreative Umsetzungen traditioneller Stile. Gern landen auch mal alternative Zutaten – jenseits des Reinheitsgebots – im Kessel, wie beispielsweise Himbeeren und Blaubeeren.

Aktuell steht das Exotic Monster, gebraut mit Mango und Kokosnuss, in den Regalen. Beachtung unter Beer-Geeks findet auch eine von Dario Stieren als „Gin Tonic Infused Starkbierwürze“ bezeichneter Sud namens Gintasia – angesetzt mit Wachholder, Zitrone, Limette, Ingwer, Zitronengras und diversen Gewürzen.

Ein Schild weist auf den Taproom von TrueBrew hinIm eigenen Taproom in der Isarvorstadt bekommt man die Biere von TrueBrew frisch aus dem Tank (Foto: TrueBrew)

TrueBrew


Auch die Macher von TrueBrew schwören manchmal auf wilde Experimente. Saisonal setzen die Wahlmünchner für ihr Pumpkin Ale gern mal auf Hokkaido-Kürbis, Zimt, Kardamom und Piment – oder aber auf Milchsäurebakterien bei ihrem sogenannten Kettle Sour namens Brain Pain.

Im Taproom von Luis Seubert, Andreas Dünkel und Lukas Lochem in der Isarvorstadt befinden sich hinter der Theke vier glänzende 500-Liter-Kupferkessel, in denen meist Helles, Vienna Style Lager oder Pale Ale darauf warten, frisch gezapft zu werden.

Beim Vertrieb setzen die Jungunternehmer indes auf Dose. „Die sind nicht nur schick, sondern auch umweltfreundlich und vor allem die wohl beste Verpackung für aromaintensive Biere“, urteilt Andreas Dünkel.

Obwohl die Münchner Newcomer noch als Gypsy-Brauer unterwegs sind, investierten sie in eine mobile Dosenfüllanlage aus Kanada, mit der sie inzwischen auch für befreundete Kreativbrauer abfüllen.

Marc Gallo sitzt auf einer Kiste und hält ein Bierglas in der HandMarc Gallo von Hopfmeister setzt auf die Dose (Foto: Hopfmeister, Brigitte Sporrer)

Hopfmeister, Higgins Ale Works und Hopfenhäcker


Dosen scheinen als Gebinde bei den Münchner Craft-Brauern immer mehr anzukommen.

So setzt auch Marc Gallo von Hopfmeister neben seiner Core-Range mit Pale Ale, India Pale Ale, Stout und hopfigem Lager jetzt auf eine Dosenserie mit überwiegend trendigen Double Dry Hopped-Bieren.

Bei Higgins Ale Works können sich Craft-Fans sogar 750-ml-Crowler abholen, gefüllt mit diversen Hopfenbomben, gern auch mal fassgereift im Rumfass.

Werner Schürgraf von der Kreativbrauerei Hopfenhäcker, der seine Biermanufaktur im Alt-Münchner Stadtteil Haidhausen betreibt, wagt sich gelegentlich an komplexe Fassreifung. Aktuell führt er einen zehnprozentigen Barley Wine, neun Monate im Madeira-Fass gereift, im Sortiment. Als studierter Brauer interessierte er sich schon immer für technische Verfahren sowie für die unterschiedlichen Raffinessen im Herstellungsprozess.

Vor seiner Selbstständigkeit ging es für Schürgraf erst mal in den Anlagenbau, wo er kleinere Brauereien auf der ganzen Welt beriet. 2016 konzipierte er seine eigene Anlage und konzentriert sich seitdem im eigenen Betrieb auf innovative Bierstile. So führt er neben hellem Lagerbier auch ein Weißbier, das mit Hanfblüten angesetzt ist. Zudem braut er ein modern interpretiertes Witbier mit Bitterorange, Kreuzkümmel und Koriander.


Heiko Schwanz, Dirk Lamprecht und Nicole Herdin (v.l.) lehnen mit einem Bier in der Hand an einer WandDie Quereinsteiger Heiko Schwanz, Dirk Lamprecht und Nicole Herdin (v.l.) experimentieren gerne auch abseits des Reinheitsgebotes (Foto: Testbräu)

Testbräu


Dass in München auch Quereinsteiger gute Sude brauen können, beweisen Nicole Herdin, Dirk Lamprecht und Heiko Schwanz von Testbräu. Das Trio arbeitet mit der Philosophie: „Kein Reinheitsgebot ist uns zu heilig, keine Zutat zu teuer und keine Rezeptur zu abwegig.“

So führt das Testbräu-Team etwa ein Sorachi Blanche im Portfolio. Für das Ergebnis verwenden sie eine klassische bayerische Weißbier-Malzschüttung, belgische Bière Blanche-Hefe und Sorachi Ace-Hopfen. Letztlich ist der Trunk mit zehn Prozent Himbeeren nachvergoren. Die Kreation gibt es auch in einer Cider-Version, wobei der Sud mit Apfelweinhefe vergoren ist. Gebraut wird auf der Zwei-Hektoliter-Anlage Maricans bei Higgins Ale Works, häufig auch als Doppelsud mit vier Hektolitern.

Zusammenhalt gilt in der vielfältigen und stetig wachsenden Münchner Craft Beer-Szene als wichtige Konstante – und die nächsten Marken und Brewpubs stehen bereits in den Startlöchern. Noch sind die Marktanteile der Münchner Jungbrauer gegenüber den alteingesessenen Brau-Giganten äußerst gering, aber die Aufholjagd ist bereits in vollem Gange.