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New Leadership: "So haben wir das immer schon gemacht" ist nicht mehr

Die Corona-Krise wirkt nach. Auch die Arbeitswelt verändert sich – und mit ihr die Chefs. Oder besser: Sie sollten.
Im Gespräch mit Nina Anika Klotz gibt Expertin Jessica Breitkopf Tipps, wie man als Führungskraft mit der neuen Situation umgehen sollte. Breitkopf ist Bereichsleiterin Produktmanagement Team Business Management und Leadership bei der Haufe Akademie in Freiburg.

Ein Jogger auf einer kurvigen Straße mit Leitplanken Bei New Leadership geht es darum, Mitarbeitern ihre Freiheit zu lassen und Selbstorganisation zu fördern – innerhalb von Leitplanken, die die Richtung vorgeben (Foto: Joshua Sortino, Unsplash)

New Normal für Führungskräfte

Es wird ein New Normal geben. Auch wenn wir alle hoffentlich Ende des Jahres geimpft sind und „all das“ vorbei ist: Es wird nicht alles einfach wieder so wie früher. Auch nicht in der Arbeitswelt. Kling bedrohlich? Soll es nicht. Denn reichlich alte Zöpfe mussten eh schon lange weg. Und warum nicht einfach anders und besser weitermachen? 

Das New Normal der Arbeitswelt verlangt, auch das Thema Führung ernsthaft zu überdenken. Die alte Grundregel „Das machen wir so, weil wir das immer schon so gemacht haben“ hatte – manch einem mag das bewusst sein, manch einem aber vielleicht auch nicht – schon lange vor dem Beginn der Pandemie ausgedient. Und jetzt war sie also ganz offiziell für ein ganzes Jahr ausgesetzt. So gut wie niemand konnte 2020/21 so weitermachen wie immer schon.

Die meisten waren zum Wandel gezwungen. Homeoffice, neue Vertriebswege, Digitalisierung von Prozessen der Kommunikation und Produktion – Change ist schon längst passiert. Und geht nicht weg. Nun müssen der Chef und die Chefin nur noch damit klarkommen – besser: den bereits begonnenen Wandel weitertreiben.

Also: Was macht eine gute Führungskraft in diesen neuen Zeiten aus? Was sind echte Führungsqualitäten in einer Arbeitswelt, die wir alle noch nicht wirklich kennen? 

 
Jessica BreitkopfJessica Breitkopf ist Expertin für Team Business Management und Leadership  (Foto: Haufe Akademie)
Wir haben uns dazu mit Jessica Breitkopf von der Haufe Akademie unterhalten, einem führenden Unternehmen für die Qualifizierung und Entwicklung von Menschen in Unternehmen. Die Haufe Akademie bietet unter anderem zahlreiche Seminare und Online Trainings zum Thema New Leadership an, die sich mit den Thema Führen in der modernsten Arbeitswelt befassen.

 

Frau Breitkopf, was sind Ihrer Meinung nach Veränderungen der Arbeitswelt, die die Pandemie losgetreten oder beschleunigt hat, die nicht mehr weggehen werden – im Guten wie im Schlechten? 

 

Jessica Breitkopf: Wir mussten während der Pandemie lernen, mit einem hohen Maß an Schnelllebigkeit, Unvorhersehbarkeit und sich ständig ändernden Fakten zurecht zu kommen. Es ist generell eine hohe Unsicherheit da, die Basis für Entscheidungsfindungen ist schwammig geworden.

Stichwort VUCA (Akronym für volatility (Volatilität), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit), Anm. d. Red.): Natürlich gab es bereits deutliche Züge davon in unserer Arbeitswelt vor 2020, die Pandemie hat das aber noch deutlicher gemacht. Und das wird sich in einem wie auch immer gestalteten New Normal mit Sicherheit fortsetzen – wenn auch nicht so drastisch.

 
Mitarbeiter in einem Besprechungsraum, eine Frau steht vor einem Kanban-Board mit bunten Post-ItsMit einem Kanban-Board kann man Projekte strukturieren – das funktioniert nicht nur in Start-Ups (Foto: You X Ventures, Unsplash)

Das klingt aber eigentlich eher beängstigend. 

 

Breitkopf: Muss es nicht. Es kommt darauf an, wie man mit Unsicherheit, Komplexität, Volatilität und damit verminderter Planbarkeit umgeht. Wir sind es gewohnt, in der Arbeitswelt recht geradlinig zu agieren: Wir setzen uns ein Ziel, entwickeln eine Strategie und rennen dann los. Das wird meiner Meinung nach dauerhaft nicht mehr funktionieren.

Aber so, wie wir während der Pandemie geübt haben, mit ständig neuen Fakten und Rahmenbedingungen klarzukommen, können wir auch künftig iterativ nach „moving targets“ arbeiten: Wir haben ein Ziel, aber das ist nicht mehr so klar definiert wie bisher und kann sich immer wieder neu justieren. Wir müssen also unseren Weg dorthin stetig aufs Neue abklären und überprüfen. Kommen wir so dort an?

Und wir müssen bereit sein, zu sagen: Die Entscheidung war falsch, jetzt sind wir woanders und müssen neu entscheiden.

 

Da klingen moderne Arbeitsphilosophien wie etwa das agile Arbeiten an. New Work, Scrum und so weiter – würden Sie sagen, da findet jeder Unternehmer Tipps für Führung in einer neuen Zeit? Also nicht nur die 28-jährige Start-Up-Gründerin aus Berlin, sondern auch der 52-jährige Geschäftsführer eines mittelständischen Familienunternehmens …

 
Breitkopf: Agile und Scrum kommen natürlich sehr aus der Softwareentwicklung, nicht alles passt in alle Arbeitsbereiche, da muss ich als Führungskraft schon erst prüfen, was sinnvoll ist und was nicht.
Aber: Vielleicht hat ja ein Kanban-Board im mittelständischen Familienunternehmen durchaus seinen Sinn, um da mal alle Teamprojekte zu strukturieren? 
Oder die Routine der Dailys (kurze, maximal 15-minütige, im Stehen abgehaltene Meetings eines ganzen Teams zum Austausch über aktuelle Arbeiten, Anm. d. Red.) kann unter gewissen Umständen auch in nicht-Start-Up- und nicht-IT-Bereichen bereichernd sein.
 

Welche Anforderungen an Chefs bringen diese neuen Zeiten nun mit sich? Wie sollte ein guter Führungsstil im New Normal aussehen?

 

Breitkopf: Ein Punkt ist sicherlich: Selbstorganisation im Team fördern! Strenge Hierarchien und Führung mit starker Kontrolle haben es heute sehr schwer. Die Führungskraft sollte die Selbstorganisation der Mitarbeiter fördern und ihnen damit mehr Freiheit gewähren darin, wie sie ihre Arbeit und Projekte umsetzen wollen.

Er oder sie sollte ihnen dabei als fachlicher Coach, als Unterstützer, zur Verfügung stehen. Dennoch sind klare Vorgaben und Rahmenbedingungen natürlich extrem wichtig. Ich nenne es in meinem Team immer Leitplanken, in denen die Produktmanager und Fachkräfte agieren. 

Außerdem ist es notwendig, dass die Führungskraft die Förderung digitaler Kompetenz und Prozesswissen stärkt und weiter vorantreibt. 

 

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Chef in der Zukunft aus?

 

Breitkopf: Wichtig ist, selbst voranzugehen. Ich muss Veränderung selbst vorleben, ich kann nicht von meinen Leuten verlangen sich zu verändern.
Dafür bedarf es einer Bereitschaft, sich selbst auf den Prüfstand zu stellen, sich zu hinterfragen und zu reflektieren. Man muss offen sein für Feedback. Das mag nicht jeder. 

Und wie nimmt man seine Mitarbeiter mit in das New Normal? In der Regel ist dem Menschen Veränderung erstmal lästig und anstrengend… 

 

Breitkopf: Was immer hilft und ein guter Einstieg für Veränderung ist, ist die Nähe zur Basis. Man muss bei den Mitarbeitern viel Überzeugungsarbeit leisten, und zentraler Schlüssel dabei ist sicherlich eine transparente und regelmäßige Kommunikation. So nimmt man viele mit.

Und: Man sollte sich auch vor Augen führen, dass Wandel etwas Kontinuierliches ist; bei Haufe Akademie ist er Teil der Unternehmenskultur. Es gibt immer Entwicklung – nur manchmal passiert die eben in einschneidenderen Schritten wie jetzt durch die Pandemie.