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Achtsamkeit

Zweihundert zu Eins für den Klimaschutz

Mehrere Bierkästen auf einander gestapelt. Im Hintergrund ist ein Plakat gespannt.
Ein Imker bei seiner Arbeit im Garten.
Von Biogas und Bienenstöcken: Im niederbayerischen Straubing geht die Karmeliten Brauerei in Sachen Nachhaltigkeit weit voraus. Geschäftsführer Christoph Kämpf ermutigt andere Unternehmer, ihm zu folgen 

Buzzword schnelllebiger Zeiten: Achtsamkeit. Meist zu verstehen als: mehr Bewusstsein. Konzentration auf den Augenblick. Auch Wertschätzung und Respekt gehören irgendwie dazu. Oft wird Achtsamkeit eher spirituell als eine innere Haltung gesehen, mit der der einzelne Mensch mehr zu sich selbst finden und zufriedener und entspannter leben kann. 
Christoph Kämpf, Geschäftsführer der Karmeliten Brauerei in Straubing, versteht Achtsamkeit aber auch als ein Unternehmenskonzept, bei dem die ethische Verantwortung von Firmen, oder wie in seinem Fall Brauereien, gegenüber Mensch und Umwelt im Mittelpunkt steht. Der Grundgedanke der Karmeliten Brauerei beruht dabei auf drei Säulen: Ressourcenersparnis. Regionalität. Gemeinsame Werte. 

Kämpfs ganz großes Ziel ist es, eine energieautarke Brauerei aufzubauen. Dazu zählen schon heute eine moderne Mikrogasturbine und der dazugehörige Heizkessel, eine Kältemaschine mit Naturkühlmittel und in Ergänzung eine Anlage zur Schneeerzeugung sowie damit verbunden die Gewinnung und Speicherung von Kälte aus der Atmosphäre: ICE AGE nennt sich das System. Neueste technische Erweiterung in der Karmeliten Brauerei ist die eigene Biogasanlage.

Eine Besonderheit, die es sonst in kaum einer anderen Brauerei gibt, ist die Energieampel. Werden Lastspitzen erreicht oder über einen längeren Zeitraum ungewöhnlich viel Energie genutzt, schaltet die Energieampel von grün auf gelb oder im Extremfall auf rot. Dies führt zu einem sofortigen Stoppen der Brauanlage. Nach anfänglicher Eingewöhnungsphase sind laut Kämpf die Mitarbeiter aber inzwischen sehr gut darin, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um den Notstop zu vermeiden. 
Daneben macht die Brauerei aber noch mehr. Wir haben uns mit Christoph Kämpf über Bienen, die Finanzierung der energieautarken Brauerei und Elektro-LKWs unterhalten.
 

Herr Kämpf, es heißt, Bienen haben bei der Karmeliten Brauerei einen Wandel angestoßen. Wie das denn?

Ich habe einen Film gesehen, bei dem in China Frauen Bäume händisch bestäuben mussten, weil es keine Bienen mehr gab. Lange bevor wir uns in ganz Bayern dem Thema Bienen gewidmet haben, haben wir uns in Straubing Bienen aufs Grundstück geholt, bauen Blumenwiesen an und arbeiten mit der Stadt zusammen. Das war der ausschlaggebende Punkt, warum wir uns mit der Energiethematik und CO2-Vermeidung beschäftigt haben. 

Eines Ihrer Hauptziele ist es, eine energieautarke Brauerei aufzubauen. Wie weit sind Sie davon noch entfernt?

Also „energieautark“ ist erstmal der Arbeitstitel der Unternehmungen bei uns – das wäre ja sonst so, als hätten wir das Perpetuum mobile erfunden. Das haben wir leider noch nicht. Uns geht es vor allem darum, Energie, also Primärenergie, und CO2 einzusparen. Dass das geht, haben wir mit den ersten Schritten sehr gut bewiesen. 290 Tonnen CO2- Ersparnis hört sich vielleicht erstmal nicht viel an – vor allem wenn ich an große Automobil- oder Chemiekonzerne denke, deren Ersparnis leicht hunderttausende Tonnen sein könnten. Aber wenn ich sehe, dass man dafür 23.000 Bäume pflanzen muss, dann ist das nicht so schlecht. Noch spannender ist aber eigentlich der Bierkistenvergleich mit 200:1. Das heißt, wir brauen 200 Kisten Bier mit etwa dem gleichen CO2-Ausstoß wie die meisten anderen für 1 Kiste benötigen.

Welchen finanziellen Aufwand mussten Sie dafür betreiben? Und wann rechnet sich Ihr Investment?


Das Investment, dass wir tätigen, liegt bei rund 3 Millionen Euro. Wir werden dabei vom Bundesministerium für Umwelt durch das Umweltinnovationsprogramm gefördert. Der ROI liegt in 17 bis 18 Jahren, abhängig von den Energiepreisen. Da gehört in jedem Fall Enthusiasmus zu – von den Eigentümern, von der Geschäftsführung und von den Mitarbeitern. Das ist keine Investition, die man in 2 Jahren wieder drin hätte.

Jetzt haben Sie ja in Ihrer Brauerei schon eine Menge umgesetzt. Wo sehen Sie denn Ihre Brauerei in 10 Jahren? Was kann man noch besser machen?

Da geht noch ganz viel. Wir hören momentan im Filterkeller mit unserer Investition auf. Der nächste Schritt wäre dann das Thema Abfüllung. Da lässt sich noch eine Menge Energie – und auch CO2 – einsparen. Außerdem ist das Thema Fuhrpark noch nicht geklärt. Wir fahren noch mit Diesel-LKWs. 

Sie hatten aber vor Kurzem einen MAN-Elektro-LKW zum Test in Ihrer Brauerei. Was haben die Tests ergeben?

Das stimmt, wir hatten einen der allerersten vollelektrischen LKWs da. Das ist für uns als kleine Brauerei allerdings im Moment noch schwierig, da der Preis etwa das Vierfache eines normalen LKWs ist. Zudem ist die Reichweite mit 200 Kilometern für uns in Straubing ein schwieriges Thema. Solange wir nur in Straubing blieben, ginge das. Aber Straubing ist nicht München, sodass wir teilweise längere Distanzen haben. Da wird sich aber in den nächsten Jahren sicherlich noch viel tun und wir werden am Ball bleiben. Ob es dann ein Elektro-LKW wird oder vielleicht ein gasbetriebener, wird sich zeigen. In Straubing werden die Busse gerade auf Gas umgestellt, vielleicht lässt sich da was Kooperatives machen. 

Wie würden Sie anderen Unternehmern Mut machen, solche großen und langfristigen Schritte in Richtung Achtsamkeit als Betriebskonzept zu wagen?

Ich halte es da mit einem indischen Sprichwort: „Wenn du meinst, du bist zu klein, dann hast du noch nie eine Mücke im Bett gehabt.“ So sehe ich uns. Wir sind die Mücke. Natürlich werden nur wir allein die Welt nicht retten, aber wenn jeder von uns diesen kleinen „Piekser“ in das Energiethema macht, können wir alle einen großen Schritt vorankommen. Das ist mein Anspruch und mein Ehrgeiz.