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Mit neuen Hopfensorten gegen den Klimastress

Woher kommen die vielen neuen Hopfensorten? Wie hat sich die Hopfenzüchtung in den letzten Jahrzehnten verändert? Warum ist der Ernteertrag nicht mehr automatisch das Züchtungsziel Nr. 1? Die beiden Hopfenexperten Dr. Adrian Forster und Dr. Florian Schüll von der Hopfenverwertungsgenossenschaft HVG e.G. aus Wolnzach erklären, was es mit der Hopfenzüchtung auf sich hat und warum Brauer sich dafür interessieren sollten.

Hopfenzuchtgarten mit jungen Hopfenpflanzen an Rankhilfen Im Hopfenzuchtgarten in Hüll sprießen die Hopfensorten von morgen (Foto: BRAUWELT)

Krankheits- und klimaresistente Hopfensorten


Aktuell sind etwa 300 Hopfensorten zugelassen, in den letzten 20 Jahren ist die Zahl neuer Hopfensorten weltweit immer weiter gewachsen. Alleine in Deutschland werden rund 30 Sorten kommerziell angebaut, in den 1950er-Jahren waren es gerade einmal vier Sorten. Die Hopfenanbaufläche verteilt sich damit auf immer mehr Sorten.

Bei den Braugersten gibt es ebenfalls viele Neuzüchtungen, allerdings mehr zu Lasten der älteren Sorten. Beim Hopfen dagegen ergänzen die Neuzüchtungen das Sortenspektrum. Sogar die alten Landsorten Hallertauer Mittelfrüher, Hersbrucker, Spalter und Tettnanger sind weltweit noch gefragt. Die Anzahl an verfügbaren Sorten erhöht sich ständig – da kann mal als Brauer leicht den Überblick verlieren. Dabei lohnt es sich für Brauer besonders, die Entwicklung der neuen Hopfensorten aufmerksam zu beobachten.


Kreuzung von Wild- und Kulturpflanzen

 

Bisher entstehen Hopfensorten fast ausschließlich über Kreuzungen weiblicher Kulturpflanzen mit männlichem Pflanzenmaterial, das oft aus Kreuzungen von Wild- und Kulturpflanzen hervorgeht [1, S. 120]. Ein Blick auf die DNA kann dabei Erkenntnisse beispielsweise hinsichtlich Krankheitsresistenz liefern und eine wirksamere Kreuzung erleichtern.

Noch ist allerdings die Züchtung darauf angewiesen, unzählige Pflanzen auf ihre Eigenschaften zu testen. Erfolge sind demnach abhängig vom Fleiß und dem Gespür des Züchters. Dazu gehört aber auch eine gute Portion Glück.

Peronospora-Falle im HopfengartenEine Peronospora-Falle im Hopfengarten, denn eine wirkungsvolle Resistenz gegen diese Pilzkrankheit ist noch nicht realisiert (Foto: BRAUWELT)

Frühe Züchtungsziele hatten Welke-Resistenz im Blick


Bereits ab den 1910er-Jahren entstanden in England die ersten Zuchtsorten Brewers Gold und Northern Brewer mit dem erklärten Ziel höherer Alphasäuren-Werte. Der Northern Brewer erwies sich zudem als Welke-resistent.

Die Pilzkrankheit Peronospora schädigte bereits in den 1920er-Jahren die Hallertauer Ernte dramatisch. Zudem erwies sich die Hauptsorte Hallertauer Mittelfrüher zunehmend als stark Welke-anfällig. Die Züchtung im Hopfenforschungszentrum Hüll, beginnend in den 1950er-Jahren, sollte also neue Sorten mit deutlich verbesserten Toleranzen oder gar Resistenzen gegen Welke und Peronospora aufweisen.

Ein Blick in die Liste der derzeit relevanten Hopfensorten beinhaltet auch Resistenz- bzw. Toleranzeigenschaften gegen Welke, Peronospora und Mehltau [1, S. 137; 2]. Nur drei von 40 Sorten werden mit „gut“ für diese drei Krankheiten aufgeführt, die allerdings trotzdem – wenn auch wesentlich moderater – mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden müssen. Eine wirkungsvolle Resistenz gegen einige und schon gar nicht gegen alle Krankheiten ist demnach noch nicht realisiert.


Starke Zunahme von neu angemeldeten Züchtungen

 

Die Entwicklung neu zugelassener Hopfensorten der Gesellschaft für Hopfenforschung in Hüll begann 1951, in den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Anmeldungen stark angestiegen.
Dieser Anstieg wird noch deutlicher, wenn aus den USA importierte Züchtungen wie zum Beispiel Cascade, Amarillo und Comet hinzugezählt werden. Zusätzlich ist beachtenswert, dass in Deutschland im Jahr 2019 zusätzlich fünf Sorten von privaten Züchtern angemeldet wurden. Diese Sorten werden durch die immer noch gefragten alten Landsorten komplettiert.

Die Anmeldungen von Zuchtsorten in Europa (ohne Deutschland) sind seit 1995 ebenfalls stark angestiegen – von sechs Anmeldungen im Zeitraum 1995-2000 auf 15 Anmeldungen in den Jahren 2016-2019 [3, 4].

Für diese rapide Zunahme von Züchtungen sind verschiedene Gründe verantwortlich.

Drei Craft Beer Gläser auf einem Tisch, das mittlere Glas ist mit Bier gefüllt, die beiden äußeren Gläser sind mit Hopfendolden gefülltDie Craft Brauer verbrauchen deutlich mehr Hopfen als „klassische“ Brauereien, und sie experimentieren mit vielen verschiedenen Hopfensorten (Foto: NürnbergMesse, Heiko Stahl)

Craft Beer-Welle löst Hopfen-Boom aus


Die in den USA ausgelöste Craft Beer-Welle hat mittlerweile die ganze Welt erfasst. Hopfen – für den Großteil der Weltbierproduktion zu einem minder wichtigen Rohstoff degradiert – wurde von den Craft Brauern völlig neu als essentielles Mittel zur Charakterisierung und Differenzierung ihrer Biere etabliert.

Sie haben Hopfen als Vermittler von Aromen entdeckt, die nicht typisch hopfig sein müssen. Diese Entwicklung hat die Züchtung enorm beflügelt und zu einer Flut von Anmeldungen geführt. Die auch als Flavourhopfen (= Hopfen mit einem speziellen, einmaligen Aroma) bezeichneten Sorten werden gerne zum Hopfenstopfen (= Hopfung im Kaltbereich) verwendet. Von 20 der in den letzten sieben Jahren in Deutschland und USA angemeldeten Züchtungen zählen 18 zur Kategorie der speziell fruchtigen Flavourhopfen.


Immer mehr private Züchter

 

Bis in die 1980er-Jahre betrieben nahezu ausschließlich Organisationen (zum Beispiel Universitäten, staatliche Institute) mit Unterstützung der öffentlichen Hand die Züchtung von Hopfensorten, schwerpunktmäßig in Deutschland, England, Tschechien, Slowenien und den USA. Diese spielen auch heute noch eine große Rolle in Ländern wie Deutschland, Tschechien oder Slowenien.

In Ländern wie USA, England und Australien dominieren inzwischen private Züchter, meist Hopfenpflanzer und Handelshäuser. Neuerdings sind aber auch in Deutschland private Züchter aktiv.


Neue Hopfensorten werden oft rechtlich geschützt

 

Viele neue Sorten werden inzwischen rechtlich geschützt und stehen nur gegen Lizenzgebühren zur Verfügung, da mit der Züchtung Geld verdient werden soll. Dabei wird offensichtlich, dass private Züchter ihre Sorten aggressiver vermarkten als öffentlich-rechtliche Züchter. Ein positiver Nebeneffekt: Der zunehmende Wettbewerb innerhalb der Züchter wird zu erhöhten Anstrengungen mit – hoffentlich – besseren Erfolgsaussichten führen. Für die Brauer wird es allerdings immer schwieriger, den Überblick zu behalten.

Nahaufnahme von HopfenblütenIm Juli blühen die Hopfenpflanzen (Foto: BRAUWELT)

Agronomische Zuchtziele


Welche Ziele stehen bei aktuellen Neuzüchtungen im Fokus? Typische agronomische Ziele wie Mengenertrag (kg/ha), Alphaertrag (kg α/ha) zumindest bei Bitterhopfen sowie gute Anbaueigenschaften behalten ihre Gültigkeit. Für den Brauer spielen Eigenschaften wie quantitatives und qualitatives Bitter- und Aromapotential eine große Rolle.

Bei Flavourhopfen kommt der Hype nach neuen Aromen hinzu, der allerdings auch kurzlebiger sein kann. Inzwischen sind in dieser Kategorie so viele verschiedene Sorten verfügbar, dass eine Kannibalisierung nicht ausbleibt.


Restriktive Pflanzenschutzregeln erhöhen Druck auf Züchter

 

Im Fokus stehen inzwischen jedoch zwei gravierende Probleme. Die Landwirtschaft wird generell mit restriktiveren Regelungen bei Düngung und Pflanzenschutz konfrontiert und muss sich in Zukunft mit diesen von der Gesellschaft eingeforderten ökologischen Restriktionen auseinandersetzen. Die Zulassungen von Pflanzenschutzmitteln erfolgen unter kritischen Prüfungen ökologischer Aspekte.

Schon jetzt nimmt die Zahl der für den Hopfenanbau erlaubten Pflanzenschutzmittel stetig ab. Neue Mittel sind in ihrer Wirksamkeit älteren oft unterlegen, dafür aber für die Umwelt verträglicher.

Damit erhöht sich der Druck, Sorten mit deutlich verbesserter Resistenz/Toleranz gegen Krankheiten und Schädlinge wie Welke, Mehltau, Peronospora, Hopfenblattlaus und rote Spinne zu entwickeln. Diese Anforderungen bedingen allerdings, dass höhere Ertragsleistungen nicht mehr das dominierende Zuchtziel sein müssen.
Klimatolerante Sorten dringend gesucht

Der Klimawandel hat in den Vegetationsmonaten Mai bis September in der Hallertau in den letzten zehn Jahren einen Temperaturanstieg gegenüber dem langjährigen Mittel1961-1990 in Höhe von 2 °C bewirkt. Gekoppelt ist das mit geringeren Niederschlägen und einer deutlichen Zunahme der für den Hopfen kritischen Hitzetage (> 30 °C).

Hopfensorten reagieren unterschiedlich auf diesen Klimastress [5]. Europäische Aromasorten sind besonders empfindlich, US-Sorten dagegen toleranter. Da in viele deutsche Bitter- und Flavoursorten amerikanische Hopfen eingekreuzt wurden, sind diese weniger hitzeempfindlich als traditionelle europäische Aromahopfen.

Krankheits- und Klimatoleranz sollten nach unserer Ansicht die oberste Priorität in der Sortenzüchtung genießen. Eine Sorte mit 22 Prozent Alphasäuren und hohem Alphaertrag mag auf den ersten Blick attraktiv sein. Sollte sie aber einer im Alpha etwas schwächeren Sorte in den Bereichen Klima und Krankheiten unterlegen sein, wird sie langfristig keine Daseinsberechtigung haben. Unter ähnlichen Aspekten sind ältere Aromasorten zu sehen, die dem Klimadruck schlechter gewachsen sind.

Eine Tafel mit botanischen Zeichnungen von Hopfen lehnt zwischen zwei Zapfhähnen und einem SudkesselDer Hopfen hat eine so entscheidende Funktion in der Bierproduktion, dass Brauer sich auch für die Hopfenzüchtung interessieren sollten (Foto: BRAUWELT)

Warum sollten Brauer die Hopfenzüchtung beobachten?


Im Hopfenanbau spielen Klimawandel und Krankheitsdruck eine dominierende Rolle. Es werden Sorten an Bedeutung verlieren, die den geänderten Anforderungen nicht mehr genügen. Insbesondere ist zu hoffen, dass die immer breiter aufgestellte Züchtung mit entsprechend krankheits- und klimaresistenten Sorten adäquate Antworten findet. Brauer sollten diese Entwicklung aufmerksam verfolgen und vor Versuchen nicht zurückschrecken. Alle Beteiligten müssen mit Rückschlägen rechnen.
Ob in 20 Jahren alle heute angebauten Sorten noch erhältlich sind, ist fraglich. Ältere werden sich durch den Klimawandel qualitativ ändern und wahrscheinlich im Anbau erheblich teurer. Schon heute ist festzustellen, dass der durchschnittliche Alphagehalt der älteren Sorten mit den wärmeren und trockeneren Sommern sinkt.

Dem Brauer wird die Entscheidung zu neuen Gerstensorten vom Handel und Mälzer mehr oder weniger abgenommen. Er bekommt oft das Kommen und Gehen von Sorten gar nicht mit. Beim Rohstoff Hopfen sollte er allerdings unbedingt das Geschehen verfolgen, um sich rechtzeitig auf neue Entwicklungen einstellen zu können.


Literatur

  1. Biendl, M., Engelhard, B., Forster, A., Gahr, A., Lutz, A., Mitter, W., Schmidt, R. und Schönberger, C.: Hopfen – Vom Anbau bis zum Bier; Fachverlag Hans Carl, 2012.
  2. Pocket Guide 2016 – German Hop Growers Association
  3. Angaben der Gesellschaft für Hopfenforschung Hüll vom Oktober 2019
  4. https://cpvoextranet.cpvo.europa.eu/mypvr/#!/en/publicsearch
  5. Forster, A. und Schüll, F.: „Der Einfluss des Klimawandels auf den Hopfen“, BRAUWELT Nr. 36, 2019, S. 1020-1024.